
"Extrahiert vom Stern Nr.14 29.3.2007"
Die Welt als Strand
Einmal im Leben möchte man sie finden, die Insel der Seligen. Santa Catarina im Süden Brasiliens ist dafür eine ganz heisse Kandidatin
Von CARMEN STEPHA
N
and GUNNAR KNECHTEL (Fotos)
Der Besitzer der "Pousada Ede1weiss" hat einen grauen Schnurrbart und Augen, so ruhig wie ein See. Wenn Laurindo Wenzel von Santa Catarina schwärmt, benutzt er oft die Worte "schee" and "hibbsch" and lehnt sich dabei sanft lächelnd auf der verglasten Terrasse zurück, die über einem Garten mit wilden Sträuchern and Blumen thront. Fast ist es wie auf einer bayerischen Alm - würde nicht unten am Ufer der Atlantik in der Sonne glitzern. Die Insel Santa Catarina im Süden Brasiliens ist nicht nur wegen ihrer europäischen Einflüsse zum neuen Lieblingsreiseziel der Brasilianer aufgestiegen. Mehr als 40 Inselstrände gibt es auf Santa Catarina, einer zauberhafter als der andere. Manche der Einwohner, Manézinhos genannt, scheinen schon in Badehose and mit Surfbrett unter dem Arm auf die Welt zu kommen. ,,Hier sind immer alle auf dem Weg zum Strand", sagt Laurindo Wenzel, der wie viele im Bundesstaat Santa Catarina deutsche Vorfahren hat, eingewandert Ende des 19. Jahrhunderts. Der Hotelchef breitet eine Karte auf dem Tisch aus. Die tollsten zehn Strände, die kann man in einer Woche locker schaffen. Schnell macht er ein paar Kreuzchen auf der Karte. Beginnen sollte der Reisende mit Joaquina, dem weltberühmten Surferstrand. Hier steht auch Tennisprofi Gustavo Kuerten gern auf dem Brett, er kommt aus Florianopolis, der Ein-Millionen-Stadt, die zur Hälfte auf der Insel Santa Catarina and zur Hälfte auf dem Festland liegt. Die eigentliche Attraktion verbirgt sich jedoch 200 Meter hinter dem Strand, wo sich Sanddünen auftürmen, in denen bunte Boards stecken. Der 17-jährige Bruno vermietet sie für fünf. Real in der Stunde. Er fing schon als Kind mit dem Sandboarden an, dem Sport, der angeblich auf der Insel erfunden wurde, weil die Surfer bei schlechtem Wellengang einen Zeitvertreib suchten. Bruno sieht aus wie ein junger Tom Cruise, und sein Traumziel, sein Hollywood, ist der künstliche, rund 150 Meter hohe Monte Kaolino in Ostbayern, wo die Weltmeisterschaften im Sandboarden stattfinden; irgendwann will er es dorthin schaffen. Sein grösster Wunsch jedoch ist es, einmal in den Alpen zu fahren. ,,Schnee, wie fühlt sich das bloss an?", fragt Bruno kopfschüttelnd. Enge Strassen winden sich um die saftig grünen Hügel auf dem Weg in Richtung Süden. Vor den kleinen blauen Häusern sitzen die Inselbewohner auf ihren Klappstühlen, trinken ein Bier and schauen so entspannt, als wären auch sie im Urlaub. In kleinen Bars aus Holz wird frischer Zuckerrohrsaft verkauft. Die Rasenflächen einiger Vorgärten sind so perfekt geschnitten wie in einer deutschen Kleinstadt. Eine Kirche mit einer Silberglocke erinnert an das alte Europa.
MITTE DES 18. JAHRHUNDERTS hatten die
Portugiesen mehr als 6000 Bewohner ihrer Azoren-Inseln nach Santa Catarina geschickt,
well die in ihrer Heimat kaum etwas zu essen batten and von Erdbeben heimgesucht
wurden. Auch Dorvalício Martins ist Nachfahre von Azorern. Gleich hinter
dem Dörfchen Costeira do Ribeirão da Ilha steht an einem
kleinen,
unberührten Strandabschnitt seine Hütte. Der 80-jährige Fischer
hat gerade ein Netz voll mit Austern unter sein Dach mit den Holzpfeilern gezogen.
Ein paar Manner aus dem Dorf sitzen am Meer, wo Dorvalício seine Netze
auswirft, and reichen einen Becher Sangria herum, als wäre er eine Friedenspfeife.
Dorvalício kratzt währenddessen mit einem Messer die Schalen der
Austern sauber, die nun wie Kristallsteine glitzern. Dorvalicio hat sein ganzes
Leben im Wasser verbracht. Er weiss, dass die Leute hier immer auf der Suche
nach dem perfekten Strand sind - um sich zu sonnen, auf den Wellen zu reiten.
Aber das Besondere geschehe doch jeden Morgen an jedem der hundert Strände,
nach dem Aufstehen, wenn das Wasser noch ruhig daliegt and ein orangefarbenes
Licht auf der Oberfläche schimmert. ,,Dann"; sagt Dorvalicio, ,,ist
das Meer so schön, dass man es kaum stören mag." Diese Wahrheit
gilt auch für Strände, etwa den Praia do Saquinho, der sich fast an
der Südspitze von Santa Catarina befindet and nur zu Fuss in einer zweistündigen
Wanderung zu erreichen ist. Ein Weg führt durch einen dichten Urwald, in
dem riesige, blaue Schmetterlinge flattern and ein Wasserfall plätschert.
Nach einer halben Stunde lichtet sich der Wald, and ein einsamer Strand liegt
da, kein einziger Abdruck von Fuss oder Pfote im Sand - and als wäre diese
Ruhe nicht biblisch genug, zieht in Küstennähe noch ein Pärchen
Delfine vorbei, das vermutlich die Arche Noah sucht. "Heute habe ich einen Wal
gesehen", steht auf einem Zettel, nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt,
in der "Bar do Arante", an deren Strand Pantano do Sul man den Tag ausklingen
lassen sollte. Wände, Decken, Holzpfeiler, jeder Quadratzentimeter in der
Bar ist gepflastert mit kleinen Zettelchen, auf denen Träumer, Verzweifelte,
Glückliche, Nüchterne and Betrunkene seit 1958 ihre Gedanken hinterlassen
haben. Jeden Abend, wenn die Sonne vor den offenen Fenstern ins Meer taucht
and die Fischer ihre Netze hereinziehen, legt der alte Herr Arante Ravels "Bolero"
auf. Dann werden noch schnell ein paar Liebesschwüre auf die Zettel gekritzelt:
"So viel Meer. So viel Sehnsucht. Wellen kommen undgehen. Wie die Gedanken an
dich." Fur den nachsten Tag empfiehlt Laurindo Wenzel einen Abstecher zum Praia
da Armação. "Achtet mal auf die kleinen Singvogel" , rat
er. Armação ist ein altes Fischerdorf mit portugiesischer Kirche
and einem verträumten Marktplatz.
DER BLITZSAUBERE STRAND, den man über
Steintreppen erreicht, wird vor allem von Familien bevölkert - and tatsächlich
läuft auch ein Junge mit Vogelkäfig in Richtung Meer. Er trägt
Shorts, darüber einen Waschbrettbauch and eine Goldkette. "Mein Curió
ist schlecht drauf heute, er hat wenig gesungen", sagt er, ohne seine Sonnenbrille
abzunehmen, ,,deshalb will ich ihn ein bisschen an die frische Luft bringen."
Der sogenannte Curió ahnelt dem Kanarienvogei und hat eine grosse Singstimme.
In Florianópolis findet regelmassig eine Meisterschaft der Curiós statt, von
denen die wertvolisten mehr ais 30.000 Euro kosten, weshalb manche Leute sogar
Auto und Wohnung gegen die trãllernde Wertanlage eintauschen. Keine Curiós,
dafür aber Papageien und vielleicht sogar einen Tukan gibt es auf der kleinen
Nachbarinsei Campeche zu sehen, die man per Motorboot von Arma
ção
aus ansteuert. Der vorgelagerte Strand zãlt zu den schõnsten von Santa Catarina:
Die Palmen spriessen hier wie Löwenzahn auf einer Sommerwiese, blühende
Kakteen schmiegen sich an die Felsen, und das Wasser ist kristallklar - ideale
Bedingungen, um den Riesenschildkröten hinterherzuschnorcheln. Die Touristen,
die aus dem Moloch São Paulo an gereist sind, scheint weniger die Exotik
zu beeindrucken, sie schwärmen von der Ruhe und Sicherheit auf Santa Catarina.
Mit ihren argentinischen Reise bekanntschaften unterhalten sie sich angeregt
auf Spanisch, die wiederum antworten freundlich in gebrochenem Portugiesisch,
ais gãbe es die alte Rivalitãt der Nachbarlãn der tatsächlich nur noch
im Fussballstadium. Am nãchsten Tag schippern Argentinier und Brasilianer sogar
friedlich vereint auf einem Banana Boat am Praia dos Ingleses entlang. Der Strand
der Engländer liegt im Norden und hat seinen Namen von einem auf Grund
gelaufenen englischen Schiff. Wer es laut und turbulent mag, ist hier genau
richtig. Die Touristen prosten sich mit Caipirinhas und Kokosnüssen zu, manche
Schöne lässt sich den Rücken vom Nachbarn auf dem zwei Zentimeter
entfernten Badelaken eincremen. Ballermann-Alarm. Das Gegenteil findet man nur
em paar Kilometer entfernt am unberührten Praia do Moçambique, den man am besten
per Pferd erkundet. Der Ausritt in der Gruppe führt durch Dünen von erhabener
Schönheit. An manchen Flecken wachsen lila Blüten im Sand. Dann führt der
Weg durch em Wãldchen mit Pinienbäumen, deren Stãmme fast silberfarben
leuchten. Die Luft ist aufgeladen von einem lauten Donnern und Rauschen, man
hört das Meer, lange bevor man es sieht. Die Reiter müssen sich anschreien,
damit sie sich verstehen. Reiten schön und gut, schmunzelt Laurindo Wenzel,
aber em echtes Abenteuer würde man doch in Blumenau erleben. Dem Ort, an dem
man sieht, wie Brasilianer sich Deutschland vorstellen. Blumenau ist em beliebtes
Ausflugsziel für die Insel urlauber - nicht nur, wenn im Herbst das grösste
Oktoberfest Südamerikas steigt. Ein Restaurant heisst ,,Frohsinn' em Kosmetikladen
,,Fräulein", und das Rathaus sieht von Weitem aus wie em Fachwerkbau;
bei genauerem Betrachten allerdings erweisen sich die Holzlatten als angenageit.
In den Strassen der "Vila Germânica" kaufen die Urlauber CDs von den Flippers
und den Kastelruther Spatzen. Ein Besucher bindet sich eine Lederhosen-Attrappe
wie eine Schürze um und lässt sich damit fo tografleren - auf der Rückseite
tragt er Badehose. Die 19-jãhrige Marriete mit den grünblauen Augen hat em fesches
Dirndl an und erteiit Touristen Auskunft. Sie spricht kein Deutsch, sie war
noch fie in Deutschland, aber von einer Sache ist sie überzeugt: ,,Die Menschen
dort sind be stimmt sehr lustig und feiern genau so gerne wie die Brasilianer."
Irgendwann möchte sie das Land, das ihr so nahesteht und doch so weit weg
ist, selbst kennenlernen. Nach der Schule will sie aber erst mal auf Santa Catarina
leben - und surfen, am Praia Mole. ,,Mole" heisst übersetzt ,,weich, sanft"
und das kommt daher, dass man hier bis zu den Knöcheln im weissen Sand
versinkt. Das Meer ist eingefasst von runden Steinen, die wie riesige Bowlingkugein
aus sehen, aber die Hauptrolle spielt natürlich ein ganz anderer Sport. Das
wiederum lässt die dunkelhaarige Ingrid schmollen. Sie trägt eine
Bikinihose, darüber ein enges, schwarzes T-Shirt, auf das zwei neonpinkfarbene
Hände gedruckt sind. 28 Stunden sass die Argentinierin mit ihren Freundinnen
im Bus, um auf Santa Catarina ,,richtig viel Spass zu haben". Und nun das. Die
Mãnner stehen mit einem Board bewaffnet neben Ingrid und starren wie hypnotisiert
auf das Meer. Als einer ihrer Surfkollegen eine besonders gute Welle erwischt,
jubeln sie lautstark, ais wãre Brasilien soeben Weltmeister geworden. ,,Aber
morgen" sagt Ingrid und schüttelt lachend den Kopf, ,,fahren wir zu einem
anderen Strand." Sie hat noch einige zur Auswahl. Den bes
ten
Strand sollte sie sich jedoch bis zum letzten Abend aufheben. Auf der Karte
ist er in Barra da Lagoa, nahe der Lagune inmitten der Insel, eingezeichnet.
Über eine wacklige Hänge brücke wie aus einem Piratenflim gelangt
der Reisende auf einen Hügel, über den bunte Häuschen verstreut sind. Das
handgeschriebene Schild ,,Prainha" (Srändchen) weist den Weg zu einem versteckten
Paradies. Auf einer Anhöhe liegt die Bar Prainha, darunter von Felsen eingerahmt
der kleine, weisse Strand, der sich wie eine Muschel zum Meer öffnet. Em
paar Jungen spielen Fussball im Sonnenuntergang, in der Bar wird live ein Samba
gezupft und getrommelt. Jetzt kõnnte man schwören, in Brasilien zu sein
- würde man nicht em Bier trinken, das den Namen ,,Eisenbahn" trägt.
TIPPS UND INFOS
Zum Strand der Dinge
Anreise: Flug von Frankfurt nach Florianópolis mit Umsteigen in São Paulo oder Rio de Janeiro kostet ab 900 Euro inklusive Steuern (hin und zurück). Mit dem Taxi oder Mietwagen fãhrt man auf die Insel. Individueille Reisepakete: Viventura, www.viventura.de, Tel.: 030/61 6755 80. Reisezeit: Ganzjãhrig. Von Dezember bis Februar sind die Temperaturen angenehm warm, um die 30 Grad. In der Regel sonnig, nur gelegentlich ziehen Gewitterwolken auf, dann kann es auch stürmisch werden.
Unterkunft: Pousada Edelweiss Rua Luiz Pedro Ferreira 86, José Mendes - Florianópolis, www.pousadaedelweiss.com.br, Tel.: 0055/48/32257591. Einfache, aber gemütliche und liebevoll geführte Pension. Der Besitzer Laurindo Wenzel spricht Deutsch. Preise: Übernachtung im DZ mit Frühstück ab 40 Euro. Pousada do Museu: kleines Hotel am Strand mit angeschlossenem Azoren-Museum, www.pousadadomuseu.com.br, DZ ab 42 Euro, Tei: 0055/48/32 3781 48.
Restaurant: Bar do Arante, Rua Abelardo Otacilio Gomes 254, Praia do Pântano do Sul, Tei.: 0055/48/2377022.
Surfer-Treffpunkte sind die ,,Barraca do Mole" am Praia Mole (Strandbar mit Live Musik und DJs nach Sonnenuntergang) und das ,,Paçai" (tropische Bar mit Hängematten und Blick auf die Lagune), erstklassiger Caipirinha und Açai in allen Variationen; das Paçai befindet sich an der Strasse, die vom Praia Mole zum Ort Retiro da Lagoa führt.
Reiten: ,,Cabanha do Toque", www.cabanha.dotoque.com.br, Tel.: 0055/48/269-2756, zweistündige Ausritte durch die Dünen zum Praia do Moçambique, ca. 20 Euro.
Fischer-Treffpunkt: Wer bei Dorvalício Martins in seiner kleinen Hütte am Strand Austern kaufen möhte, sollte auf der Landstrasse Baldicero Filomeno in Richtung Süden fahren. Kurz nach der Bushaltestelle des Ortes Costeira do Ribeirão da Ilha liegt die Uferstelle, an der Dorvalício Martins seine Netze an Land zieht.
Ausflüge: Auf die Ilha do Campeche bringen einen Motorboote mehrmals tãglich von Armação aus.
Ins 140 Kilometer entfernte Blumenau (www.guiadeblumenau.com.br) fahren Sie am besten mit dem Mietwagen, oder buchen Sie eine der Touren, die in den Hoteis und Pousadas (auch im Edelweiss) angeboten werden. Gute deutsche Küche gibt es im Restaurant ,,Frohsinn", Rua Gertrud Sierich, Tel.: 0055/47/3322-21 37. In Blumenau beginnt das jãhrliche Oktoberfest im Gegensatz zu München tatsãchlich im Oktober, dieses Jahr findet es vom 4. bis 21. Oktober statt.